Fachpresseschau

Die Fachpresseschau bietet einen Überblick über strafrechtsrelevante Beiträge aus juristischen Fachzeitschriften. Durch die aktuelle Auswertung von juristischen Fachzeitschriften wird ein zeitnaher und umfassender Überblick über aktuelle Entwicklungen des Strafrechts sowie über kommentierte Gerichtsentscheidungen geboten.

 

 

Zeitschriftenauswertung 12/2011

 

 

Maßregelvollzug

 
MVollzG Rh.-Pf. § 6; GG Art. 2 Abs. 2
Zwangsbehandlung im Maßregelvollzug (Anm. zu BVerfG StV 2012, 94)
 
Bublitz ZIS 2011, 714
 
Ausgehend von der besprochenen Entscheidung befasst sich der Beitrag mit der grundsätzlichen Legitimierbarkeit psychiatrischer Zwangsbehandlung von im Maßregelvollzug Untergebrachten. Dabei stehen Fragen des grundrechtlichen Schutzes der psychischen Integrität sowie paternalistischer Eingriffsrechtfertigungen im Vordergrund. Die Entscheidung des BVerfG v. 23.03.2011 steht auch im Zentrum des Beitrages von Marschner R&P 2011, 160.
 
StPO § 126a
Die einstweilige Unterbringung im Vollzugsrecht
 
Pollähne R&P 2011, 140
 
Der Beitrag stellt die derzeit geltenden Regelungen zum Vollzug der einstweiligen Unterbringung in der forensischen Psychiatrie gem. § 126a StPO im Bundesrecht und in den einschlägigen Landesgesetzen vor. Im Ergebnis werden eine umfassende gesetzliche Vorschrift für den Vollzug der einstweiligen Unterbringung angemahnt und Vorgaben für solche Regelungen herausgearbeitet.
 
StPO § 147
Das Recht auf Einsicht in psychiatrische Krankenunterlagen
 
Marschner/Zinkler R&P 2011, 3
 

Nebenstrafrecht

 
AO § 370
Zum Eventualvorsatz bei der Steuerhinter- ziehung
 
Ransiek/Hüls NStZ 2011, 678
 
AO § 371; StGB § 261
Der strafbefreiende Rücktritt vom vollendeten Delikt: Partielle Entwertung der strafbefreienden Selbstanzeige gem. § 371 AO durch § 261 StGB
 
Bülte ZStW 122 (2010) 550
 
OWiG § 30; StPO § 136
Selbstbelastungsfreiheit für Verbandspersonen?
 
von Freier ZStW 122 (2010) 117
 
Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass Verbandspersonen sich nicht auf das verfassungsrechtliche Nemo-tenetur-Prinzip und seine einfachgesetzliche Garantie berufen könnten, sofern diese die verfassungsrechtliche Garantie der Selbstbelastungsfreiheit voraussetze. Dies bestätige die Gründe, die schon materiell-rechtlich gegen eine Verbandsstrafe i.S.d. Schuldstrafrechts sprächen.
 

Sonstiges

Strafrechtsrelevante Entwicklungen in der Europäischen Union (Überblick)
 
Brodowski ZIS 2011, 940
 
GRCh Art. 51; EUV Art. 6 Abs. 2
Charta der Grundrechte der Europäischen Union
 
Cremer EuGRZ 2011, 545
 
Der Beitrag befasst sich mit der Bindung der Europäischen Union an die Grundrechte der Charta.
 
GVG § 185
Zweck des Dolmetschens im Strafverfahren
 
Kranjcic NStZ 2011, 657
 
Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass die Aufgabe eines Dolmetschers nicht darin bestehe, möglichst wörtlich die Angaben von Angeklagten und Zeugen etc. zu übersetzen, sondern dies nur unter der Zweckorientierung zu geschehen habe, vorrangig dem Verteidigungsinteresse des Beschuldigten zu dienen.
 
StGB §§ 63 ff.
Die Renaissance der freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Sicherung in rechtstatsächlicher Betrachtung
 
Heinz R&P 2011, 63
 
StPO §§ 374 ff.
Die Rolle des Opfers im Strafverfahren – Paradigmenwechsel im nationalen und internationalen Recht?
 
Safferling ZStW 122 (2010) 87
 
ThUG § 1
Psychopathie
 
H. E. Müller NStZ 2011, 665
 
Der Beitrag weist darauf hin, dass das vielfach genutzte Instrumentarium der Psychopathy-Checklist Revised (PCL-R) von Robert Hare keine überzeugende Methode zur Identifizierung von für das Sozialleben gefährlichen Personen darstelle.
 

Strafrecht

 
StGB vor § 32; StPO § 127 Abs. 1
Das allgemeine Festnahmerecht gem. § 127 Abs. 1 S. 1 StPO als Rechtfertigungsgrund
 
Wagner ZJS 2011, 465
 
StGB § 13
Plädoyer für eine kausalitätsorientierte Abgrenzung von Tun und Unterlassen
Streng ZStW 122 (2010) 1
 
StGB § 32
Notwehreinschränkung – insbesondere bei provoziertem Angriff
Grünewald ZStW 122 (2010) 51
 
StGB § 32
Überlegungen zur Rechtmäßigkeit der Verteidigung in Notwehr bei unvermeidbarem Eingriff in Rechte Dritter
Koch ZStW 122 (2010) 804
 
StGB § 164
Falsche Verdächtigung hinsichtlich nicht verfolgbarer Taten
Krell NStZ 2011, 671
 
Verf. vertritt die These, dass auch die Behauptung nicht verfolgbarer Taten grundsätzlich nach § 164 Abs. 1 StGB zu bestrafen sei.
 
StGB § 211
Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht (Anm. zu BGH StV 2012, 85)
 
Steinberg JR 2011, 490
 
Verf. weist darauf hin, dass die besprochene Entscheidung zentrale tradierte Thesen der Rspr. zu diesem umstrittenen Mordmerkmal reformuliere. Die Entscheidung wird weiterhin besprochen von Theile ZJS 2011, 405, der die Ausführungen in der besprochenen Entscheidung zum subjektiven Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht in aufdeckungsnahen Situationen in das Zentrum seiner Erörterung stellt. Darüber hinaus wird gefordert, dass die Verdeckungsmotivation im Vorstellungsbild des Täters präsent seien müsse, woran es fehle, wenn sie vollständig von einem affektiven Erregungszustand überlagert werde. Zu diesem Urteil auch Brand NStZ 2011, 698.
 
StGB §§ 223, 212
Zielgerichtete Infizierung eines Sexualpartners mit HIV
 
Brand/Lotz JR 2011, 513
 
StGB §§ 253, 263, 240
„Sicherungserpressung“ (Anm. zu BGH StV 2011, 677)
 
Jäger JA 2011, 950
 
Der Schwerpunkt der Besprechung liegt auf der Frage, ob in der Verteidigung einer betrügerisch erlangten Beute mit (qualifizierten) Nötigungsmitteln ggfs. eine schwere räuberische Erpressung gesehen werden könne. Diese Frage wird mit dem BGH verneinend beantwortet. Maßgebliches Argument für die Straflosigkeit sei allerdings, dass für Fälle eines vorausgehenden Betruges keine dem § 252 StGB vergleichbare Strafnorm existiere.
 
StGB §§ 263, 266
Betrug und Untreue als konkrete Gefährdungsdelikte
 
Hauck ZIS 2011, 919
 
Der Beitrag wendet sich gegen die Annahme der BGH-Rechtsprechung, dass in der bloßen Gefährdung des Vermögens bereits eine „Vermögensbeschädigung“ oder „Nachteilszufügung“ liege, weil dies gegen das Analogieverbot des Art. 103 Abs. 2 GG verstoße.
 
StGB § 266
Auswirkungen des Untreue-Beschlusses des BVerfG StV 2010, 564 auf die Schadensdogmatik
 
Saliger ZIS 2011, 902
 
Der Beitrag unterzieht die Umsetzung des BVerfG-Beschlusses v. 23.06.2010 in der Untreuerechtsprechung der BGH-Senate einer krit. Analyse. Ferner wird den möglichen Konsequenzen der Entscheidung auch für die Betrugsstrafbarkeit nachgegangen.
 
StGB § 266
„Kick-back“-Zahlungen als strafbare Untreue: Versuch einer dogmatischen Konkretisierung und Systematisierung
 
Kraatz ZStW 122 (2010) 521
 
StGB § 266
Rechtsfolgen bei unterlassener Einführung einer Compliance-Organisation
 
Schaefer/Baumann NJW 2011, 3601
 
Der Beitrag gibt einen Überblick über die bestehenden gesetzlichen Vorschriften, die die Geschäftsleitung zur Etablierung einer Compliance-Organisation im Unternehmen verpflichteten. Daran anschließend wird untersucht, welche Sanktionen drohten, wenn eine Compliance-Organisation unterbleibe und Rechtsverstöße durch Mitarbeiter begangen würden.
 
StGB § 266
(Rechts-)Vergleichende Überlegungen zum Tatbestand der Untreue
 
Rönnau ZStW 122 (2010) 299
 
StGB §§ 299, 11 Abs. 1 Nr. 2
Rechtsstellung des Vertragsarztes als Beauftragter der gesetzlichen Krankenkassen bzw. als Amtsträger (Anm. zu BGH, Vorlagebeschl. v. 05.05.2011 – 3 StR 458/10)
 
Tsambikakis JR 2011, 538
 
Der Beitrag weist darauf hin, dass korruptives Verhalten eines Vertragsarztes berufsrechtswidrig sei und berufsrechtlich geahndet werden könne. Ob dies angesichts des fragmentarischen und ultima-ratio-Charakters des Strafrechts ausreiche, müsse der Gesetzgeber entscheiden, nicht aber der Große Senat des BGH.
 
StGB § 326 Abs. 2
Der Begriff der Abfallverbringung im Lichte des EU-Rechts
 
Kropp NStZ 2011, 674
 
Der Beitrag macht auf die Folgen der Umsetzung der EU-Umweltstrafrechtsrichtlinie 2008/99/EG für die Fälle unerlaubter grenzüberschreitender Verbringung von Abfällen aufmerksam, die künftig eine Verschärfung des Straftatbestands des § 326 Abs. 2 StGB zur Folge haben werde.
 
StGB § 334 Abs. 2 Nr. 2
Bestechung von Lehrkräften durch Schulfotografen (Anm. zu BGH StV 2012, 19)
 
Zöller ZJS 2011, 550
 
Die Anm. widerspricht der besprochenen Entscheidung sowohl bzgl. ihres Ergebnisses als auch der Begründung. Soweit keine Anhaltspunkte dafür vorlägen, dass Schulfotografen ihre Bilder nicht zu marktüblichen Preisen vertrieben und die Zuwendungen an die Schulen von ihnen zuvor „eingepreist“, also durch überhöhte Verkaufspreise refinanziert worden seien, sei eine Strafbarkeit zu verneinen.
Verfahrensrecht
 
GVG §§ 30, 122; StPO §§ 125, 126
Mitwirkung der Schöffen bei Haftentscheidungen im Laufe einer Hauptverhandlung
 
Börner ZStW 122 (2010) 157
 
Der Beitrag nimmt in diesem Zusammenhang auch zu der Frage Stellung, inwieweit Schöffen ein Recht auf Akteneinsicht hätten.
 
StPO §§ 81b, 81g, 484
Strafverfolgungs-vorsorge als polizeigesetzliche Aufgabe
 
Kniesel/Paeffgen/Keppel/Zenker Die Polizei 2011, 333
 
Der Beitrag mahnt an, dass der Gesetzgeber in Brandenburg, Niedersachsen und NRW eine Rechtsgrundlage dafür schaffen müsse, dass polizeiliche Strafverfolgungsvorsorge nicht mehr weitgehend im rechtsfreien Raum stattfinde. Dies betreffe insbesondere die Delikts- und Falldateien, die zur Strafverfolgungsvorsorge angelegt und unterhalten werden.
 
StPO §§ 100a, 101 Abs. 7
Einsatz eines „Staatstrojaners“ als Ermittlungsmaßnahme (Anm. zu LG Landshut StV 2012, 12)
 
Brodowski JR 2011, 533
 
Die Anm. weist darauf hin, dass die kritikwürdige Rspr. zur Zulässigkeit einer Quellen-TKÜ nicht in der Lage sei, dem Einsatz einer Spionagesoftware zum Kopien und Speichern grafischer Bildschirminhalte Einhalt zu gebieten.
 
StPO §§ 112 ff.
Übersicht über die Rechtsprechung in Untersuchungshaft- sachen 2009/2010
 
Schultheis NStZ 2011, 682 (Teil 2)
 
StPO § 140 Abs. 1 Nr. 4
Notwendige Verteidigung in Fällen der Überhaft und der Kumulation von Verfahren, bei denen nur teilweise eine Verteidigerbeiordnung nach Untersuchungs- haftvollzug erfolgt sei
 
Busch NStZ 2011, 663
 
Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass § 140 Abs. 1 Nr. 4 StPO lediglich in dem Verfahren Geltung habe, in dem die Untersuchungshaft vollzogen werde, nicht aber in weiteren anhängigen Verfahren, in denen Untersuchungshaft weder angeordnet worden sei, noch vollstreckt werde.
 
StPO § 243 Abs. 3
 
Verkürzte Verlesung des Anklagesatzes bei einer Vielzahl gleichförmiger Taten (Anm. zu BGH StV 2011, 337)
 
Gössel JR 2011, 546
 
StPO §§ 257c, 243 Abs. 4, 273 Abs. 1a
Die Rechtsprechung zum Verständigungsgesetz
 
Schlothauer StraFo 2011, 487
 
Der Beitrag zieht eine Zwischenbilanz der höchstrichterlichen und obergerichtlichen Rspr. zum Verständigungsgesetz nach dessen Inkrafttreten am 04.08.2009. Aus Verteidigersicht sei zu konstatieren, dass die Rspr. den Interessen des Angeklagten an der Einhaltung der Verständigungsregeln nur begrenzt Rechnung trage. Es lasse sich ferner die Tendenz erkennen, den Handlungsspielraum des Tatrichters nicht durch die Formalisierung des Verständigungsverfahrens einzuschränken.
 
StPO § 265; StGB § 211
Rechtlicher Hinweis bei Verurteilung wegen Verdeckungsmordes nach Austausch der Bezugstat (Anm. zu BGH StV 2012, 68)
 
Bock ZJS 2011, 177